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Russischer Baptistenkongreß hatte Sorgen

Licht auf Ebbe und Stimmung auf Flut

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Nationaler Baptistenkongreß in Rußland verläuft nach Plan

 

M o s k a u – Wenige Stunden nach der offensichtlichen Rücknahme einer Verfügung der Regionalbehörden konnte der zweijährige Kongreß der „Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten“ (RUECB), „Transformation 2008“, am Abend des 31. Juli starten. Dieser dritte Nationalkongreß findet im Kinderlager „Bächlein“ (Rutschejek) nahe der Ortschaft Rumjantsewo 60 Kilometer westlich von Moskau statt. Der erste volle Tag des Ereignisses, der 1. August, war von hervorragender Musik, Gottesdiensten, Seminaren, herzlichen Umarmungen und fröhlichen Kinderscharen geprägt. Zu Mittag am 2. August versicherte Witali Wlasenko, der RUECB-Abteilungsleiter für kirchliche Außenbeziehungen: „Die Menschen sind begeistert, die Stimmung ist ausgezeichnet. Der Heilige Geist ist am Wirken!“

 

Von Anfang an war die Solidarität der anderen protestantischen Kirchen offenkundig. Pawel Okara, Präsident der pfingstlerischen „Russischen Kirche der Christen Evangelischen Glaubens“,

 

und Sergei Rjachowski, der politisch-aktive Bischof der charismatischen „Vereinigten Russischen Union der Christen Evangelisch-Pfingstlerischen Glaubens“, traten beide am Eröffnungsabend auf. Duma-Mitglied Sergei Popov, der Mitte Juni dem Präsidenten des Baptistischen Weltbundes (BWA), Neville Callam, einen herzlichen Empfang bereitet hatte, ließ der Eröffnungsveranstaltung ein Grußwort zukommen.

 

Nur ein Tag zuvor waren die Aussichten duster. Am 29. Juli hatte der führende Nachrichtendienst „Interfax“ und der Moskauer Rundfunk die Überschrift gebracht, daß „3.000 russische Baptisten die Absicht haben, trotz eines Verbotes durch regionale Behörden ihre Konferenz in einem Kinderlager durchzuführen“. Die Meldung fügte hinzu, daß das Verbot bereits seit mehreren Monaten in Kraft sei. Als Grund wurde eine massenhafte Überbelegung angegeben – das Lager kann nicht mehr als 350 Personen eine Schlafstätte bieten. Die Interfax-Mitteilung schloß mit einer vieldeutigen Warnung der Polizei, jeglicher Versuch der Baptisten, sich trotz Verbots zu versammeln, könne „verschiedenartige Konflikte und unkontrollierbare Zustände herbeiführen“.

 

Die Stimmung in der Moskauer RUECB-Zentrale erreichte am 30. Juli einen Tiefpunkt, als ohne erkennbaren Grund die Strom- und Telefonversorgung für einen Großteil des Tages ausfiel. Noch am Vormittag vom 31. Juli verkündete die Zeitung „Nowie Iswestia“: „Das Bächlein ist ausgetrocknet.“ Die staatlichen Gegner der Konferenz haben ihren Rückschlag nicht leicht hingenommen. Um 18,00 Uhr am 1. August wurde der Kongreßleitung ein Erlaß der Gebietsbehörden überreicht, der das Ereignis ab 10,00 am Vormittag desselben Tages verboten hatte. Trotz gedeihlicher Zusammenarbeit vor Ort zwischen Kongreß und Polizei haben lokale Behörden einiges zu Wege gebracht, um den Teilnehmern die Konferenz möglichst unangenehm zu machen. Der elektrische Strom wurde zwei Stunden vor Beginn am 31. Juli abgeschaltet und soll erst wieder am 4. August eingeschaltet werden. Der Kongreß ist auf eine Notversorgung durch selbständige Aggregate angewiesen.

 

Die baptistische Antwort

Die beiden Seiten berufen sich auf verschiedenartige Gesetze. Gegner bringen das Gesetz „Über Versammlungen, Demonstrationen, Prozessionen und Streikposten“ ins Spiel. Doch die RUECB-Führung steht auf dem Standpunkt, daß der Kongreß “Transformation” niemals verboten worden sei. Mit Bezugnahme auf das föderale Gesetz vom 26 September 1997, „Über die Gewissensfreiheit und die religiösen Organisationen“, hat sie stets darauf bestanden, daß es sich um eine innerkirchliche Veranstaltung handle, die der staatlichen Sanktion nicht bedürfe. Geltendes Recht besage, daß Kirchen vor dem Abhalten interner Veranstaltungen lediglich 10 Tage vorher den Behörden davon in Kenntnis zu setzen hätten. Dem Kongreß könnte sehr wohl ein juristisches Nachspiel folgen.

 

Bei den Verhandlungen mit den Regionalbehörden am 31. Juli hatte Witaly Wlasenko auf den erzieherischen Gewinn hingewiesen, den die Konferenz ihren vielen jungen Teilnehmern bescheren wird. Das Motto dieses Kongresses lautet sogar: „Sei ein Vorbild“. Zusätzliche Sanitäreinrichtungen und Zeltplätze mögen ebenfalls zum Gesinnungswandel bei manchen Beamten geführt haben. Nur knapp mehr als 2.000 Personen haben sich für diesen Kongreß angemeldet. Die ersten beiden Nationalkongresse der Baptisten waren 2004 und 2006 in Brjansk nahe der belorussischen Grenze ohne jegliches politisches Aufsehen durchgeführt worden.

 

Beobachter werden stets verwirrt durch die Widersprüche, die die Beziehungen zwischen Kirchen und dem russischen Staat aufweisen. Staatsvertreter hatten die vom Jamaikaner Neville Callam angeführte Delegation der BWA hochleben lassen. Alexander Torschin von der amtierenden “Einiges Rußland”-Partei hatte sogar vorgeschlagen, daß Baptisten bei der Wiederbesiedlung der Weiten Rußlands mit anfassen. (Siehe unsere Pressemeldung vom 21.06.2008.) Doch bereits am 25. Juli ließ die Staatsanwaltschaft im Moskauer Stadtteil Perov eine Gemeinde der mit den Baptisten verwandten „Russischen Assoziation unabhängiger evangelischer Kirchen“ zu einer extremistischen Organisation deklarieren. Das bringt die 250-köpfige Gemeinde in die Gefahr, ihre staatliche Zulassung zu verlieren

 

Zum Kongreß erklärte Wlasenko: „Dies ist nur ein Beispiel mehr für den ständigen Zusammenprall von kommunaler und nationaler Macht. Gebietsvertreter kennen sich mit der föderalen Gesetzgebung nicht aus. Gebietspolitiker, erst recht solche die sich weitab von Moskau befinden, können stärker ihren Freunden ergeben sein als dem nationalen Recht. Hier in Moskau gehen wir Baptisten bei föderalen Amtsträgern ein und aus. Doch bei Regionalpolitikern beißen wir immer wieder auf Granit.“ Mit einem Hinweis auf die Unterdrückung von Baptisten zu Sowjetzeiten versicherte die Zeitung „Nowie Iswestia“: Ernsthafte Verfolgung kehre auf keinen Fall wieder, doch „das Beharrungsvermögen vergangener Beziehungen mit den Baptisten kommt noch immer wieder zum Vorschein“.

 

Das ehemalige Pionierlager “Bächlein” gehört heute zur „Assoziation der Brüdergemeinden“ (ABC). Die ABC und die obenerwähnte, unabhängige Denomination sind Mitglieder des „Öffentlichen Rates“, einer Schirmorganisation baptistischer Glaubensgemeinschaften. Auf diesem Gelände fand auch im April 2003 die Gründungskonferenz der Russischen Evangelischen Allianz mit 150 Teilnehmern statt.                                            

 

Dr. William Yoder

Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen der RUECB

Moskau, den 2. August 2008

 

Eine Veröffentlichung der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen bei der Russischen Union der Evangeliumschristen-Baptisten. Sie will informieren und erhebt nicht den Anspruch, eine einheitliche, offizielle Position der RUECB-Leitung zu vertreten. Zur Veröffentlichung freigege­ben. Meldung Nr. 08-34, 828 Wörter.